Π ⋮ Hierokles – Kreise der Nähe
Hierokles steht im Halbdunkel einer Papyrusrolle, und irgendwo zwischen Tinte und Alltag beginnt oikeiosis – dieses seltsame Sich-selbst-Zugehören. Kein Gründer, kein Denkdenkmal. Eher jemand, der Pflichten sortiert wie Kleingeld und dabei Nähe zum philosophischen Problem macht.
Stilisiertes Porträt – Hierokles
Φ ⋮ Der Papyrus riecht nach Alltag
Ein Papyrusfetzen ist kein romantisches Objekt. Er ist spröde, Staub sitzt in den Fasern, und er macht dieses leise Geräusch, wenn man ihn zu forsch berührt – als würde er sich beschweren. Genau das passt: Hierokles ist kein Philosoph für Marmorsockel, eher für Ränder, für Zettel, für das, was übrig bleibt, wenn der große Vortrag längst vorbei ist.
Man kann sich das Setting vorstellen, ohne es ausmalen zu müssen: eine Schreibfläche, ein paar Striche, ein Gedanke, der nicht auf Wirkung kalkuliert.
Nicht der Kosmos als Feuerwerk, sondern der Mensch als ziemlich konkretes Wesen, das morgens aufsteht, jemandem etwas schuldet, jemanden vermisst, jemandem im Weg steht. Und irgendwo darin die irritierende Frage, die nicht nach „Sinn“ klingt, sondern nach Mechanik: Wie beginnt überhaupt Bindung – und warum endet sie so selten dort, wo man sie gern hätte?
Der Papyrus ist der Gegenstand, aber der eigentliche Anker ist ein Tonfall: trocken genug, um nicht zu trösten, präzise genug, um nicht zu zynisch zu werden. Wer hier „Stoizismus“ erwartet, bekommt zuerst einen Geruch, eine Oberfläche, eine kleine Unbequemlichkeit. Der Rest kommt später – wenn man bereit ist, Nähe nicht als Gefühl, sondern als Struktur zu betrachten.
Σ ⋮ Späte Ethik, sauber gefaltet
Über Hierokles weiß man erstaunlich wenig, und das Wenige wirkt wie absichtlich knapp: römische Kaiserzeit, meist ins 2. Jahrhundert n. Chr. gestellt, gern in die Nähe der Hadrian-Zeit.
Kein Stadtplan, keine Anekdoten, keine Liste von Schülern, die man zitieren könnte. Was bleibt, ist nicht die Pose, sondern die Arbeit: Ethik, ziemlich systematisch, und gerade deshalb ein wenig unmodern – weil sie sich nicht entschuldigt.
Die Überlieferung ist fragmentarisch. Ein teilweise erhaltener Traktat, der als Elemente einer Ethik lesbar ist – Papyrus, nicht Prachtband.
Und dazu Auszüge und Fragmente, vor allem durch Stobaios gerettet. So entsteht eine seltsame Form von Autorität: nicht die, die laut wird, sondern die, die trotz Lücken weiter spricht. Man hört darin eine späte Stoik, die sich weniger mit großen Weltentwürfen aufhält als mit der Frage, wie ein Mensch sich in Rollen bewegt, ohne an ihnen zu zerbrechen.
In einem überlieferten Satz wirkt das wie eine nüchterne Handbewegung.
Der ganze Menschenschlag ist von Natur auf Gemeinschaft hin angelegt; die erste und elementarste Verbindung ist die durch die Ehe.
Hierokles, Stobaios, Anthologion (Fragment „On Wedlock“) (Übers. eigene Übers.).
Das ist keine Sentenz für den Wandschmuck, eher ein Hinweis darauf, wie Nähe gebaut wird: Schritt für Schritt.
Hierokles setzt beim Selbst an, nicht als Narzissmus, sondern als Ausgangspunkt. Lebewesen nehmen sich selbst wahr – als sie selbst; daraus ergibt sich eine Art Grundorientierung, die moralisch werden kann.
Von dort führt der Weg nicht ins Private, sondern in Kreise: Familie, Haushalt, Gemeinschaft, weitere Zugehörigkeiten. Nähe ist nicht einfach da; sie ist abgestuft, manchmal unbequem, manchmal unerquicklich. Und dennoch ist sie das Feld, in dem Pflichten auftauchen – jene Handlungen, die „passen“, weil man nicht allein ist, sondern jemandes Kind, jemandes Elternteil, Partner, Bürger.
Das klingt nüchtern und ist es auch. Der Maßstab bleibt das Leben gemäß Natur – rational, nicht romantisch. Keine pädagogische Wärme, kein psychologisches Erklärangebot. Eher ein Versuch, den sozialen Raum zu vermessen, ohne ihn zu entwerten.
Wenn man unbedingt nach einem Netzwerk fragen will, bekommt man nur Schweigen: keine belastbaren Namen. Das Werk steht für sich – und mit ihm die Erinnerung daran, dass Philosophie manchmal dort am strengsten ist, wo sie am alltäglichsten wird.
Ξ ⋮ Eine erste, kleine Schieflage
Man stellt sich gern vor, wie ein Stoiker „lehrt“ – klarer Blick, gerade Sätze, ein Raum, der still wird. Hierokles kommt anders. Er überlebt als Papyrusrest und als Exzerpt, also als Nebenrolle im eigenen Stück. Vielleicht ist das die passendste Form: Ethik, die sich nicht aufspielt, sondern übrig bleibt.
Ξ ⋮ Der Besprechungsraum als kleiner Kosmos
Im Besprechungsraum liegt dieser Geruch aus Teppich, Filterkaffee und ungeklärten Zuständigkeiten. Der Beamer summt, als würde er eine Meinung haben. Jemand sagt „kurz“, und das Wort steht im Raum wie ein schlechtes Versprechen. Hierokles wäre kein guter Stimmungsmacher gewesen. Er hätte vermutlich nur notiert, dass Rollen schneller den Ton übernehmen als Personen.
Es sind Mikrospannungen, die sich zuverlässig wiederholen: Man will zustimmen, aber nicht zu sehr. Man will widersprechen, aber mit sozialer Polsterung. Eine Nachricht im Chatfenster wird gelesen, drei Punkte erscheinen, verschwinden, erscheinen wieder – das digitale Räuspern.
Und inmitten dieses kleinen Dramas sitzt etwas Stoisches, unaufdringlich wie ein Möbelstück: die Frage, was angemessen ist, nicht was sich gerade gut anfühlt.
Hier beginnt der seltsame Teil: Pflichten wirken in der Gegenwart selten heroisch. Sie wirken wie Termindruck, wie Rückruf, wie höfliches Nachfragen, wie ein Satz, der nicht geschickt ist, aber passt.
Man könnte das mit einem Kathēkon (passende Handlung innerhalb einer Rolle, ohne Pathos) bezeichnen – und schon ist der große Ernst wieder in Handtaschengröße geschrumpft. Der Effekt ist unerquicklich und beruhigend zugleich: Die Welt verlangt nicht nach Glanz, sondern nach passender Bewegung.
Auf dem Pendelweg wird es noch deutlicher. Der Zug steht, die Durchsage klingt freundlich und meint das Gegenteil. Menschen schieben sich in die Zwischenräume wie Argumente, die keiner hören will.
Nähe ist hier keine Romantik, sondern Geometrie. Die Kreise, die bei Hierokles von Familie und Gemeinschaft ausgehen, bekommen moderne Varianten: Kollegenkreis, Servicekreis, Kommentarspaltenkreis. Es sind Zugehörigkeiten, die man nicht gewählt hat, und die trotzdem Erwartungen produzieren – und genau darin liegt das Material.
Später, zwischen Tür und Signalverlust, schiebt sich ein Satz aus der Überlieferung dazwischen.
Man soll – nach dem allgemeinen Gebrauch der Benennungen – Cousins Brüder nennen, Onkel Väter und Tanten Mütter.
Hierokles, Stobaios, Anthologion (Fragment „How we ought to conduct ourselves towards our kindred“) (Übers. eigene Übers.).
Er passt schlecht zu Push-Nachrichten und passt gerade deshalb: Zugehörigkeit ist nicht immer angenehm, aber selten optional.
Σ ⋮ Der Körper unterschreibt vor dem Satz
Der Körper ist schneller als die Haltung. Noch bevor ein Gedanke sich geschniegelt hat, hat der Kiefer schon zugebissen. Die Schultern ziehen nach oben, als wollten sie sich entschuldigen. Der Atem wird flacher, ohne dass jemand eine Meinung dazu hat. Man könnte das als „Stress“ etikettieren und wäre damit fertig. Stoisch wird es erst, wenn diese kleinen Signale keine Geschichte bekommen, sondern Oberfläche bleiben.
In den Sekunden vor der Reaktion liegt das Entscheidende – nicht als Technik, eher als winzige Verzögerung. Der Blick auf eine Mail, die nach Vorwurf riecht. Das kurze Wärmegefühl hinter den Ohren. Der Impuls, sofort zu antworten, sofort zu klären, sofort zu siegen.
Und dann dieser minimalistische Zwischenraum, in dem Urteil und Zustimmung noch nicht verschmolzen sind. Keine therapeutische Deutung, kein heldisches Schweigen. Nur das nüchterne Wahrnehmen: Der Körper hat schon angefangen, aber er hat noch nicht gewonnen.
Selbst die Müdigkeit bekommt hier einen anderen Klang. Nicht als Defizit, sondern als Rahmen: Wenn die Batterie leer ist, wirken Rollen schwerer.
Ein Satz aus dem Meeting hängt später im Nacken, als wäre er ein schlecht sitzender Kragen. Die Hände tippen schneller, als das Denken nachkommt. Und plötzlich sieht man, wie eng Pflichten und Selbsterhaltung beieinander liegen – im besten Fall ohne Drama, im schlechtesten mit sehr vielen Ausrufezeichen.
Hierokles’ Kreise wirken dann nicht wie Theorie, sondern wie Muskelgedächtnis: Inneres und Äußeres rücken zusammen oder auseinander, je nachdem, was der Moment verlangt.
Man lässt etwas liegen, weil es nicht passt. Man tut etwas, weil es passt. Dazwischen bleibt eine merkwürdige Nüchternheit, die nicht kalt ist, nur unbestechlich. Der Körper merkt das zuerst: Er wird nicht leicht, aber er hört auf, sich selbst zu überreden.
Ψ ⋮ Reste, Wirkung und die Frage nach dem richtigen Ton
Hierokles kommt zu uns nicht als Stimme, sondern als Überlieferungsform.
Ein Papyrus, der nur teilweise hält, was er verspricht, und Auszüge, die in späteren Sammlungen weitergereicht werden wie eine Adresse, die man nicht verlieren will. Das macht etwas mit der Lektüre: Man liest nicht „das Werk“, man liest eine Spur – und merkt dabei, wie sehr man selbst nach vollständigen Sätzen verlangt.
Gerade das Modell der Kreise wirkt so, als hätte es eine natürliche Begabung, wieder aufzutauchen. Nicht als Mode, eher als praktisches Raster: Nähe, die abgestuft ist; Zugehörigkeit, die nicht nur aus Sympathie besteht; Rollen, die sich nicht wegwischen lassen.
Und weil das so ordentlich klingt, wird es schnell zu ordentlich. Eine spätere Hand reicht den Text weiter, eine moderne Hand legt ihn in ein System, und plötzlich sieht es aus, als sei das Ganze lückenlos. Dabei ist es eher eine sauber gefaltete Unvollständigkeit.
Nähe wird erst ernst, wenn sie zur Pflicht wird.
Manchmal reicht ein kurzer Satz aus der Überlieferung, um die Härte dieser Ordnung spürbar zu machen – ohne dass er etwas „beweist“.
Ein Lebewesen, sobald es die erste Wahrnehmung seiner selbst empfangen hat, wird sich selbst und seiner eigenen Verfassung sofort vertraut.
Hierokles, Elemente der Ethik (Papyrus 9780) (Übers. eigene Übers.).
Der Satz ist unspektakulär, fast bürokratisch in seinem Ton. Und gerade deshalb trifft er: Noch bevor Pflicht, Rolle oder Kreis ins Spiel kommen, steht da diese erste Vertrautheit mit sich selbst – als Startpunkt, nicht als Erklärung.
Was danach geschieht, ist die bekannte Unordnung: Eindrücke drängen, Deutungen schießen vor, und Nähe wird plötzlich zur Frage, wer wem was schuldet. Hierokles wirkt in solchen Momenten weniger wie ein Tröster als wie ein Registrator: Er hält fest, dass Bindung nicht erst bei großen Gefühlen beginnt, sondern bei der Art, wie man sich selbst im Augenblick „hat“.
Die leise Gegenstimme sitzt dabei mit am Tisch: Vielleicht lesen wir in die Fragmente mehr Geschlossenheit hinein, als sie hergeben.
Vielleicht mögen wir die Kreise, weil sie unsere Gegenwart beruhigen – weil Ordnung wie ein Ersatz für Gewissheit wirkt. Die Quellenlage bleibt ein Filter, nicht nur ein Fenster. Und das ist, nüchtern betrachtet, keine Schwäche, sondern die passende Erinnerung an Maß.
Ω ⋮ Der Kreis wird dünner
Wenn man die Kreise von Hierokles heute sucht, findet man sie selten dort, wo man sie gern hätte. Sie sitzen in Kalendern, die zu voll sind, in Familienchats, die zu schnell kippen, in der höflichen Distanz einer Warteschlange.
Gemeinschaft wirkt dann weniger wie ein Ideal als wie ein Raum, in dem man sich bewegt, ohne den Maßstab ganz aus der Hand zu geben. Und Zeit wirkt nicht wie ein großes Thema, sondern wie das, was am Ende immer übrig bleibt.
Vielleicht ist das die stille Pointe seiner Wirkung: Sie kommt nicht als Denkmal, sondern als Arbeitsmaterial. Man muss mit Lücken leben, mit späten Zeugnissen, mit dem Gefühl, dass der Text sich entzieht, sobald man ihn zu fest greifen will.
Das verlangt eine Art Hermēneutikḗ Téchne (Kunst, das Überlieferte nüchtern und fair zu lesen) – nicht als akademisches Hobby, eher als Haltung gegenüber dem Unvollständigen.
Man nimmt, was da ist. Man lässt, was fehlt. Und man hält den eigenen Eifer im Zaum, wenn er wieder zu schnell ganze Systeme bauen will.
So bleibt Hierokles ein Name, der nicht laut wird. Ein Ethiker, der keine Biografie mitliefert, aber eine Form von Nähe beschreibt, die weder warm noch kalt ist, sondern schlicht bindend. Ein Papyrusrest, der im Kopf weiterarbeitet, weil er nicht alles sagt. Und vielleicht ist gerade das die sachlichste Art von Nachhall.
Zugehörigkeit
💬 Lehrsplitter der Stoa
Ratsuchender: Er grüßt nicht, obwohl ich ihn grüßte. Soll ich ihn fortan übersehen?
Hierokles: ✦ Du bist nicht sein Echo. Tu das Passende, nicht das Gegengefühl.
Ratsuchender: Am Markt lobt mein Freund jeden, nur mich nicht. Ich werde klein dabei.
Hierokles: ✦ Er steht in seinem Kreis. Zieh nicht ihn, sondern dein Urteil näher an dich.
Ratsuchender: Am Brunnen zittert mir der Atem, bevor überhaupt etwas geschieht. Wieso beginnt es so früh?
Hierokles: ✦ Du hast dich schon bemerkt. Das Zittern ist da; die Bedeutung legst du erst danach darauf.
Ratsuchender: Auf dem Weg will ich alles ordnen, sonst fällt es auseinander. Ich halte fest, bis es wehtut.
Hierokles: ✦ Ordne deinen Anteil. Der Wind ordnet den Rest.
≈ stoisch reflektiert nach Hierokles und der Stoa · sinngemäß
Prüfsteine bei Hierokles
Nähe als Ordnung, nicht als Stimmung
Bei Hierokles kommt Zugehörigkeit nicht als warmes Gefühl daher, sondern als eine Art stiller Grundriss. Wer sich in einem Kreis bewegt, steht nicht nur „gut“ oder „schlecht“ da, sondern steht irgendwo – und dieses Irgendwo hat Folgen, auch wenn niemand sie ausspricht.
Profilkante: Wenn Kreise nach Rang riechen
Das Kreismodell wirkt auf den ersten Blick freundlich, fast gesellig. Dann merkt man, dass Abstufung eben auch heißt: näher und ferner, wichtiger und weniger wichtig, zuerst und später. Die Spannung entsteht dort, wo man Gleichheit gern als Trost hätte, Hierokles aber eher Passung sieht.
Entscheiden ohne Kulisse
In einer Familie, in einem kleinen Verband, vor einer stillen Erwartung – plötzlich ist eine Handlung nicht mehr frei schwebend. Hierokles klingt dann wie ein schmaler Maßstab: Was passt zur Bindung, die schon da ist, ohne dass man daraus gleich eine Bühne macht.
Die innere Regung und der Augenblick der Deutung
Ein Impuls schießt vor, eine Kränkung zieht nach, Ungeduld räuspert sich. Bei Hierokles liegt der entscheidende Moment nicht im großen Gefühl, sondern in der kleinen Setzung: ob man dem Eindruck sofort Bedeutung gibt, oder ob man ihn erst einmal nur als Eindruck stehen lässt.
Nachhall: Was an den Resten hängen bleibt
Weil Hierokles als Fragment und Exzerpt zu uns kommt, bleibt auch die Lektüre in einer Art Schwebe. Man bekommt keine geschlossene Figur, eher eine Denkbewegung, die an Nähe und Pflicht reibt – und die offen lässt, ob Ordnung hier Beruhigung ist oder Zumutung.
Stoiker-Steckbrief: Hierokles
Strukturierte Research-Fakten.
1. Name und Varianten
Lateinisch: Hierocles (auch: „Hierocles the Stoic“). Griechisch: Ἱεροκλῆς. Deutsch: Hierokles. Nicht identisch mit Hierokles von Alexandria (Neuplatoniker).
2. Lebensdaten & Epoche
Datierung unsicher. Üblich ist die Einordnung ins 2. Jh. n. Chr. – häufig in die Zeit Hadrians (117 – 138) bzw. die frühe Kaiserzeit.
3. Zugehörigkeit innerhalb der Stoa
Späte, kaiserzeitliche Stoa: Seine erhaltenen Texte behandeln stoische Ethik und Psychologie in systematischer Form.
4. Historischer Kontext & Rolle
Biografisches ist kaum greifbar. Als sicher gilt vor allem sein Profil als Ethiklehrer und Autor, der Pflichten in Familie, Haushalt und Gemeinwesen präzise ordnet.
5. Zentrale Themen & Lehren
✦ Oikeiosis: Selbstzugehörigkeit als Startpunkt moralischer Orientierung.
✦ Selbstwahrnehmung: Tiere und Menschen nehmen sich als „sie selbst“ wahr – Grundlage praktischer Ethik.
✦ Pflichten: kathēkonta als Rollenethik (Kind, Eltern, Ehe, Bürger).
✦ Kreise: konzentrische Zugehörigkeiten und das „Zusammenziehen“ nach innen.
✦ Natur: Maßstab ist das Naturgemäße der rationalen Lebensführung.
6. Lehrer, Schüler, wichtige Beziehungen
Keine belastbaren Namen überliefert. Die Wirkung ist primär textgeschichtlich (Überlieferung in Anthologien, moderne Editionen), nicht über ein bekanntes Schülernetz.
7. Wesentliche Werke
Elemente der Ethik (Papyrus, nur teilweise erhalten) sowie Fragmente/Exzerpte aus einer Pflichtenschrift (oft als On Duties / „Über Pflichten“ bezeichnet), überliefert vor allem bei Stobaios (5. Jh. n. Chr.).
8. Nachwirkung & Einfluss
✦ Überlieferung: Stobaios bewahrt zentrale Fragmente, die sonst verloren wären.
✦ Kosmopolis: Das Kreise-Modell ist ein Leitbeispiel für stoische Sozialethik und Kosmopolitismus.
✦ Edition: Ramelli/Konstan erschließen die Texte mit Übersetzung und Kommentar für die Forschung.
9. Belegbare Zitate
„Es ist Aufgabe des wohlgeordneten Menschen, die Kreise zum Mittelpunkt hin zusammenzuziehen.“
Hierokles bei Stobaios, Anthologion 4.84.23; Übers. nach Konstan, eigene Übers.
„Unser Vaterland ist gewissermaßen ein zweiter Gott, unser erster und größter Elternteil.“
Hierokles bei Stobaios, Fragment „Über das Vaterland“; Übers. nach Taylor (1822), eigene Übers.
„Unsere Eltern sind, wenn man so sagen darf, zweite und irdische Götter.“
Hierokles bei Stobaios, Fragment „Über die Eltern“; Übers. nach Taylor (1822), eigene Übers.
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10. Kommentar zur Quellenlage
Die Quellenlage ist lückenhaft: Lebensdaten sind unsicher, vieles ist verloren. Tragfähig sind Papyrusreste und spätere Exzerpte (v. a. Stobaios), weshalb Rekonstruktionen vorsichtig bleiben.
Redaktionelles Porträt erstellt von Mario Szepaniak.
Quellen & Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy – Stoicism
- Internet Encyclopedia of Philosophy – Stoicism
- Routledge Encyclopedia of Philosophy – Hierocles (2nd century AD)
- Society of Biblical Literature – Hierocles the Stoic (Ramelli/Konstan)
- Cambridge Core – The Classical Review: Review zu Hierokles
- Oxford Reference – Hierocles
Hinweis
Dieser Beitrag ist ein redaktioneller Text – keine persönliche, psychologische oder medizinische Beratung. Für individuelle Fragen gilt der Haftungsausschluss.
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